In der modernen IT-Transformation gibt es ein Buch, das derzeit fast schon religiös zitiert wird: Team Topologies von Matthew Skelton und Manuel Pais. Es verspricht den heiligen Gral der IT-Organisation: Fast Flow – ein reibungsloser Fluss von Software-Änderungen und stabilen Services. Doch in den Händen von Akteuren, die in alten Hierarchien sozialisiert wurden, mutiert dieses fortschrittliche Framework oft zu einer rhetorischen Waffe, um ‚territoriale‘ Ansprüche zu rechtfertigen.
Besonders in Organisationen, die kritische Infrastrukturen verwalten, lässt sich derzeit ein bizarres Phänomen beobachten: Die feindliche Übernahme von Teams unter dem Deckmantel der Agilität.
Das Kernkonzept: Reduktion der kognitiven Last
Der fundamentale Kern von Team Topologies ist nicht die Zusammenlegung von Abteilungen, sondern die konsequente Reduktion der kognitiven Last. Das Framework erkennt an, dass die menschliche Aufnahmefähigkeit begrenzt ist. Wenn ein Team zu viele unterschiedliche Services, Technologien und Verantwortlichkeiten gleichzeitig tragen muss, bricht die Performance ein – der Flow stoppt.
Wenn Führungskräfte nun argumentieren, sie müssten Teams auflösen und in bestehende Großstrukturen integrieren, handeln sie diametral zum Geist des Frameworks. Sie bauen keine agilen Einheiten, sondern monolithische Flaschenhälse. Sie vergrößern die kognitive Last der Mitarbeiter bis zum Kollaps und tarnen dies als organisatorische Optimierung.
Die vier Team-Typen: Werkzeuge der Autonomie, nicht der Kontrolle
Team Topologies definiert vier klare Team-Typen, die eine ganz bestimmte Dynamik erzeugen sollen:
- Stream-aligned Teams: Fokus auf den direkten Geschäftswert.
- Platform Teams: Bereitstellung von Services, damit andere Teams autonom arbeiten können.
- Enabling Teams: Experten, die Wissen transferieren, statt Aufgaben an sich zu reißen.
- Complicated Subsystem Teams: Spezialisten für hochkomplexe Teilbereiche.
Der strategische Fehler vieler Transformations-Apostel liegt darin, das Platform Team als klassische Machtbasis misszuverstehen. Ein echtes Platform Team nach Skelton/Pais hat das Ziel, sich selbst durch Self-Service-Angebote unsichtbar zu machen. Wer jedoch versucht, Teams aufzusaugen, um die Entscheidungshoheit zu zentralisieren, baut keine Plattform, sondern ein klassisches Silo der Abhängigkeiten.
Wenn Sachlichkeit auf Cholerik trifft
Die Transformation des IT-Betriebs erfordert eine Abkehr vom Management durch Zuruf. Frameworks wie ITIL 4 liefern die notwendigen Service-Definitionen und Standards, um die Interaktionsmodi von Team Topologies (wie X-as-a-Service) überhaupt erst möglich zu machen.
Interessant wird es, wenn diese sachliche, prozessorientierte Welt auf die emotionale Welt alter Seilschaften trifft. Wenn Argumente wie kognitive Last oder Team-Autonomie die eigenen Machtpläne durchkreuzen, reagiert das alte System oft mit aggressivem Widerstand. Cholerisches Verhalten in Meetings ist in diesem Kontext oft nichts anderes als die pure Überforderung eines Egos, dem die fachliche Grundlage für seine Expansionspläne entzogen wurde.
Die Rolle der Geschäftsführung
Oft wird von oberster Ebene argumentiert, dass die Reibung zwischen diesen Welten – der modernen Architektur-Logik und der alten Macht-Logik – eine transformative Kraft sei. Das ist eine gefährliche Fehlannahme.
Transformation gelingt nicht durch das bloße Aufeinanderprallen von Personen, sondern durch das konsequente Etablieren von professionellen Standards. Wenn eine Seite versucht, ein Framework als Cargo Cult zu missbrauchen (Begriffe übernehmen, aber die Philosophie ignorieren), ist die Geschäftsführung gefordert, fachliche Leitplanken zu setzen. Ansonsten riskiert man, dass die fähigsten Köpfe das Unternehmen verlassen, weil sie nicht mehr bereit sind, ihre Energie in sinnlosen Grabenkämpfen zu verbrennen.
Echte Transformation braucht Ehrlichkeit
Team Topologies ist hervorragend geeignet, um den IT-Betrieb zu transformieren. Es bietet die Blaupause für eine Organisation, die schnell, stabil und skalierbar ist. Aber dieses Framework erfordert eine Grundvoraussetzung, die man nicht in Büchern lernt: Die Bereitschaft zur persönlichen Entbehrlichkeit und zum Loslassen von informeller Macht.
Wer das Buch zitiert, um Teams zu schlucken, hat es entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Echte Transformation beginnt dort, wo die Sachlichkeit über das Ego siegt.
