Erinnerst du dich noch an das Gefühl der ersten Monate im neuen Unternehmen? Vielleicht war es ein angemieteter Garagenplatz, ein WG-Zimmer, das nach Pizza und Tatendrang roch, oder ein winziges Büro, in dem sich die Kabel am Boden wie Schlangen wanden. In dieser Phase ist ein Unternehmen kein starres Gebilde, kein Organigramm und erst recht kein Ort für Prozesshandbücher. Es ist ein lebendiger, hochflexibler Organismus. Alles ist im Fluss, alles ist intensiv.
In dieser Pionierphase ist das, was Management-Berater später oft als mangelnde Struktur kritisieren, in Wahrheit dein wertvollster Treibstoff. Es ist die Zeit der maximalen Geschwindigkeit.
Das Betriebssystem der Intuition
Ein junges Unternehmen arbeitet auf einem Betriebssystem, das ich gerne als kollektive Intuition bezeichne. Da es noch keine festgeschriebenen Regeln gibt, wird jede Entscheidung ad hoc getroffen. Das klingt für Außenstehende vielleicht nach einem Management-Fehler, aber für ein agiles Team ist es pure Magie. Warum? Weil die Kommunikationswege nicht nur kurz sind – sie sind quasi nicht existent.
In einem Team von fünf oder zehn Leuten ist jeder über alles informiert. Wenn der Entwickler eine Frage zum Pricing hat, dreht er sich auf seinem Stuhl um und fragt dich direkt. Wenn der erste Großkunde ein technisches Problem hat, springt der Gründer selbst in die Bresche. Diese informelle Organisation ist kein Hindernis, sondern eine überlebensnotwendige Strategie. Während ein etabliertes Unternehmen drei Meetings und fünf PowerPoint-Folien braucht, um die Farbe eines Buttons auf der Website zu ändern, hat dein Team in derselben Zeit das halbe Backend umgebaut.
Die Geburtsstunde deiner Helden
In dieser Zeit werden deine Legenden geboren – die Mitarbeiter der ersten Stunde, in der Fachsprache oft Key Informants genannt. Diese Menschen sind in der Frühphase dein wichtigstes Kapital. Sie sind wandelnde Lexika. Sie tragen das gesamte Firmenwissen nicht in Confluence-Seiten oder Datenbanken, sondern in ihren Köpfen.
Sie wissen genau, welcher Bug in der Software auftaucht, wenn man eine bestimmte Tastenkombination drückt, und sie wissen, welcher Kunde am Freitagabend lieber nicht angerufen werden möchte. Diese Helden brauchen keine Onboarding-Pläne oder klare Rollendefinitionen. Sie wissen einfach, was zu tun ist, weil sie von Anfang an dabei waren und den Kontext jeder einzelnen Entscheidung kennen. Das schafft eine enorme Effizienz – solange das Team klein genug ist, dass Vertrauen die bürokratische Kontrolle ersetzen kann.
Das gefährliche Erbe: Die Effizienz-Illusion
Doch genau hier liegt ein fundamentaler Trugschluss verborgen, den ich die Effizienz-Illusion nenne. Du glaubst, dass dein Unternehmen so schnell wächst, weil ihr keine Prozesse habt. In Wahrheit wächst du, weil dein Team klein genug ist, um die Reibungsverluste des Chaos durch massiven persönlichen Einsatz zu kompensieren.
Ohne es zu merken, baust du in dieser Goldgräberstimmung ein gefährliches Erbe auf, das dir später im Weg stehen wird:
- Extreme Personenabhängigkeit: Dein gesamtes operatives Risiko konzentriert sich auf drei oder vier Köpfe. Fällt einer dieser Helden aus, verliert das Unternehmen sein Gedächtnis.
- Mangelnde Reproduzierbarkeit: Erfolge sind oft Zufallsprodukte individueller Brillanz. Du kannst sie nicht einfach skalieren, weil es keine Blaupause gibt.
- Die Entstehung von Seilschaften: Kleine Gruppen, die zusammen durch die harte Gründungszeit gegangen sind, entwickeln eine eigene Dynamik. Sie bilden den Kern einer informellen Machtstruktur, die später zur größten Barriere für neue Talente werden kann.
Solange ihr unter 30 Leuten seid, trägt euch diese Energie. Aber mit jedem neuen Mitarbeiter steigt die Komplexität der Kommunikation nicht linear, sondern exponentiell an. Das Chaos, das dich früher beflügelt hat, beginnt nun, Sand im Getriebe zu werden.
